Als Baby wurden viele von uns getauft und später gefirmt oder konfirmiert. Im Laufe der Zeit haben wir gute aber auch schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht. Das Leben brachte mit sich, dass sich die persönlichen Werte änderten. Vielleicht sogar solche, die mit den christlichen oder kirchlichen Vorstellungen nicht mehr vereinbar sind.

Es gibt viele Gründe aus einer Religionsgemeinschaft auszutreten oder doch lieber zu bleiben. Meist sind diese sehr Emotional geprägt. Deshalb ist es so wichtig, dass du die Entscheidung für oder gegen einen Kirchenaustritt letztendlich nur für dich alleine triffst. Wobei natürlich nichts dagegen spricht, mit anderen oder sogar mit Gott selbst darüber zu sprechen. Ich empfehle dir ausschließlich auf dein Gefühl zu hören und dir solange Zeit zu nehmen wie du brauchst. Es kommt der Zeitpunkt, wo dein Gefühl dir Gewissheit gibt. Der Glaube sollte heute eh unabhängig von der Religionsgemeinschaft betrachtet werden. Dann spricht auch nichts gegen einen Kirchenaustritt als Gläubiger. Man kann auch Glauben ohne einer Religionsgemeinschaft anzugehören. Du wirst deswegen sicherlich nicht in die Hölle kommen.

Der Austritt an sich ist sehr einfach und geht ganz schnell – wie das geht zeige ich dir weiter unten. Sobald du Ausgetreten bist unterliegst du sozusagen nicht mehr dem Rechtsgebiet deiner Kirchengemeinde. Weder du noch die Kirche kann zukünftig irgendwelche kirchlichen Rechte herleiten oder dem anderen Pflichten auferlegen. Der Staat wiederum wird keine Rechtsfolgen aufgrund einer Mitgliedschaft mehr einleiten (z.B. Kirchensteuer).

Wobei angemerkt werden muss, dass nicht alle Religionsgemeinschaften einen Austritt kennen. Bei der Katholischen Kirche beispielsweise bleibt man auch nach dem staatlichen Austritt noch kirchliches Mitglied. Das entsprechende Mitglied muss dann die Exkommunikation (manche reden auch von kirchlichen Rechtsfolgen) über sich ergehen lassen, was mit weniger Rechten einhergeht. In manchen kirchlichen Angelegenheiten benötigt man sogar noch die Zustimmung (z.B. kirchliche Hochzeit). Bei der Evangelischen Kirche sieht das ganze schon ganz anders aus. Diese kennt den kirchlichen Austritt, nur die Bedeutung der Taufe kann nicht rückgängig gemacht werden.

Wozu das ganze

  • Ausübung der Religionsfreiheit.
  • Keine finanzielle Unterstützung der Religionsgemeinschaften mehr.
  • Kirchensteuer einsparen (8 oder 9 % von der Lohn- und Einkommensteuer, real aber etwas weniger).
  • Der Kirche ein klares Zeichen setzen (nicht mit mir).
  • Moralische Verpflichtung gegenüber der Kirchengemeinde entfällt.
  • Reduzierung des politischen Einflusses durch die Kirchen.

Wenn genügend Austreten, dann besteht die Chance für die endgültige Beendigung der Sonderzahlungen an die beiden großen Kirchen von über einer halben Milliarde Euro jährlich. Und vielleicht verlieren dann die Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften sogar ihre „hoheitlichen Rechte“, die ihnen der Staat als Körperschaft des öffentlichen Rechts zugesteht. Mehr weiter unten.

Was passieren kann

  • Exkommunikation oder andere kirchenrechtlichen Folgen, zum Beispiel:
    • Keine kirchliche Bestattung durch einen Pfarrer oder Priester.
    • Einschränkungen bei einer „kirchlichen Trauung“.
    • Kündigung kirchlicher Arbeitsverhältnisse.
    • Ausschluss kirchlicher Ämter und Mitgliedschaften kirchlicher Vereine.
    • Verlust des Wahlrechts.
    • Ausschluss oder Einschränkung bei Taufpatenschaft.
    • usw.
  • Manche „Gläubige“ wollen nichts mehr mit dir zu tun haben.
  • Schikane von Amtsträgern.
  • Besondere Kirchengeld fällt an:

Wenn du einen Ehepartner hast oder in einer Lebenspartnerschaft lebst und dein Partner/In weiterhin in einer Religionsgemeinschaft bleiben möchte, dann solltest du aufpassen. Es kann nämlich sein, dass bei gemeinsamer Veranlagung dann das „besondere Kirchengeld“ anfällt. Andere Varianten der Kirchensteuer können noch hinzu kommen. Hier solltest du dich noch einmal ausführlich darüber informieren.

Was ich brauche

  • Du bist Mitglied einer staatlich anerkannten Kirche (Körperschaft des öffentlichen Rechts).
  • Du hast den ernsthaften Wunsch auszutreten.
  • Noch ein paar Formalitäten (→ Los gehts3.).

Los gehts

1. Du hast dich endgültig für den Kirchenaustritt entschieden.

2. Informiere dich z.B. auf der Webpräsenz deiner Kommune, wem gegenüber du staatsrechtlich deinen Austritt erklären kannst. Das geht nur persönlich. Zuständig ist das …

  • Standesamt in Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen.
  • Amtsgericht in Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen.
  • Stadtverwaltung in Hessen.
  • Kirche in Bremen.

Optional kann der Austritt auch schriftlich vor einem Notar erklärt werden (zusätzliche Kosten). Andere Varianten sind nicht zulässig.

3. Gehe zu den regulären Öffnungszeiten zum Standesamt, Amtsgericht, zur Stadtverwaltung oder Kirche und nehme folgendes mit:

  • Personalausweis oder Reisepass.
    • Meldebescheinigung (manchmal bei Reisepass erforderlich).
  • Vorlage eines Familienstammbuches (manchmal bei Verheirateten).
  • Gebühr (von 0 bis 75 Euro).
  • Du solltest noch Wissen, wo dein Taufort war (wenn möglich).

Gegenüber dem Sachverarbeiter erklärst du nun deinen Austritt. Gründe brauchst du nicht angeben. Hierzu wird ein Austrittsformular ausgefüllt, dass du anschließend verbindlich unterschreibst. Bedingungen darf dieser nicht enthalten. Der Sachbearbeiter klärt mit dir alle Formalitäten und “belehrt” dich anschließend noch kurz. Das war es auch schon.

Vergesse dabei nicht, auch für dich einen Beglaubigung deiner Kirchenaustrittserklärung mitzunehmen. So kannst du immer nachweisen, dass du auch tatsächlich ausgetreten bist.

4. Der Sachverarbeiter informiert nun neben der Religionsgemeinschaft noch das Einwohnermeldeamt und Finanzamt. Weitere können dazu kommen. Dein Austritt wird in der Regel zum Monatsende gültig, indem du deine Erklärung abgegeben hast. Im Folgemonat bist du also staatsrechtlich nicht mehr Mitglied der Religionsgemeinschaft.

5. Vielleicht erhältst du noch ein Schreiben von deiner Kirchengemeinde. Das ist überall anders.

Exkurs

Im deutschsprachigen Raum dominieren trotz Religionsfreiheit immer noch die zwei großen Religionsgemeinschaften der römisch-katholischen und evangelische Kirche. Mit dem Untergang des Weströmischen Reichs um 500 begann in Mitteleuropa zusammen mit den ersten Staatsgründungen und der Zivilisation die Zwangschristianisierung der dort lebenden Naturvölker (germanische Stämme). Spätestens seit dieser Zeit besteht zwischen den Staaten und der Kirche eine enge kooperative Verbindung. Immerhin hat die Kirche bisher alle Regime überlebt. Besonders in Deutschland wird das deutlich: Der Staat treibt nicht nur die Kirchensteuer für einige Religionsgemeinschaften ein, sondern oben drauf erhalten die beiden großen Kirchen (steigend) jährlich über eine halbe Milliarde Euro von den Bundesländern. Und das bereits seit über 200 Jahren.

Heute noch haben diese und einige andere Religionsgemeinschaften den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, was ihnen bestimmte „hoheitliche Rechte“ gegenüber ihren Mitgliedern zukommen lässt (z.B. Steuereinzug). Und selbst der Kirchenaustritt an sich wird in den meisten Fällen nicht gegenüber der Religionsgemeinschaft, sondern im Standesamt oder Amtsgericht erklärt. Im Gegenzug unterstützt die Kirche faktisch das jeweilige Regime, zuletzt deutlich in der Asylpolitik beobachtbar. Der Staat und die Kirche muss deshalb als eine Einheit angesehen werden – die eine Hand wäscht die andere. Früher offiziell als Staatskirche und heute indirekt über den Geldglauben. Das sind nur einige Beispiele. Diese Erfahrungen lassen sich sicherlich in den einzelnen Kirchengemeinden und Schicksalen jedes einzelnen (ehemaligen) Mitglieds fortführen.