Früher war so gut wie jeder noch Selbstversorger. Das notwendige Wissen für die Selbstversorgung wurde traditionell über die Generationen in der Großfamilie weitergegeben. In Agrarstaaten und bei den Naturvölkern ist das heute noch so. Mit Beginn der Industrialisierung und spätestens mit dem Wirtschaftswunder war jedoch systembedingt damit Schluss.

Vieles altes Wissen ging damit zusammen mit den regionalen Traditionen für immer verloren. Die Anbau-, Verarbeitungs-, Lager- bzw. Haltungsmethoden von Getreide, Gemüse, Obst und Tieren veränderten sich enorm – Monokultur, Massentierhaltung, industrielle Fertigprodukte und strombetriebene Kühlschränke standen auf einmal für die zukünftigen abhängig Beschäftigten im Vordergrund. Die Folge war das große Aussterben regionaler Nutzpflanzen und Haustierrassen (Nutz- und Heimtiere). Und mit diesen das Wissen darüber.

Heute stehen daher viele angehende Selbstversorger vor der großen Herausforderung, dass noch vorhandene Wissen irgendwie zusammentragen. Ursprünglich heimische Pflanzensorten und Tierrassen müssen manchmal mühevoll über weite Strecken zusammengetragen und bewährte Lager- und Verarbeitungsmethoden neu entdeckt werden. So hat man beispielsweise eine eigentlich bereits ausgestorbene süddeutsche Getreidesorte im tiefen Russland wieder entdeckt.

Um dir das Suchen nach „vergessenen Wissen“ zu erleichtern, zeige ich dir im Folgenden verschiedene Möglichkeiten:

  • Was die Nachbarschaft zu erzählen hat

Das naheliegendste ist, die Familien zu fragen, die bereits über Generationen im selben Dorf oder auf (ehemaligen) Gutshöfen leben. Im besten Fall lebt dort sogar noch jemand, wo das ganze mehr oder weniger noch miterlebt hat. Und wenn nicht, dann findet sich vielleicht manches Schriftstück oder Equipment in der Scheune, auf dem Dachboden oder im Keller, die vielleicht auf alte Pflanzensorten, Tierrassen, Verarbeitungs- oder Lagerweisen hindeuten.

Die meisten Menschen haben an solchen Sachen kein Interesse mehr, weshalb du bei dieser Gelegenheit vielleicht auch etwas ergattern und für deine eigene Selbstversorgung nutzen kannst. Solltest du erst in ein Dorf hergezogen sein, dann frage einfach in der Nachbarschaft oder auf den (ehemaligen) Bauernhöfen nach. Der persönliche Kontakt tut der Nachbarschaft allemal gut.

Der entscheidende Vorteil ist bei dieser Vorgehensweise, dass du dir Wissen aneignest, die sich in deiner Region über die Jahrhunderte bewährt haben. Das ist ein entscheidender Standortvorteil. Viele (ausgestorbene) Haustierrassen und Pflanzensorten gab es nämlich nur direkt im dörflichen Umfeld und sonst nirgendwo. Man muss allerdings den heutigen Klimawandel berücksichtigen, wobei sich viele alte Sorten auch heute noch gut kultivieren lassen.

  • Öffentliche Archive sind Schatzkammer

Weiteres Wissen kannst du dir über historische Karten, Register und regionale Heimatbücher aneignen. Gute Bezugsquellen sind die örtlichen Buchhandlungen, Kirchen, Stadtverwaltungen und Rathäuser in den früher noch eigenständigen Dörfern (Ortsvorsteher fragen). Vielleicht finden sich bei dieser Gelegenheit auch bürokratische Aufzeichnungen von Naturalabgaben, -transporten oder -verkäufen.

Viele Flurkarten, Zeichnungen, Schriftstücke und historische Fotos sind heute aber auch öffentlich im Internets einsehbar – meist über Archive auf Kreis- oder Landesebene und manche Hochschulen. Manchmal finden sich alte Postkarten mit Fotos oder Karten auf den digitalen Marktplätzen (z.B. ebay). Mit diesen zusammengetragenen Informationen kannst du dann vor Ort forschen. So lässt sich beispielsweise herausfinden, was früher auf den eigenen und umliegenden Grundstücken so angebaut wurde.

  • Andere Selbstversorger, Bauer, Imker, Schäfer …

Jeder stand irgendwann einmal am Anfang seiner Selbstversorgung. Manche wurden sogar Bauern oder seltener reine Erwerbslandwirte. Hier liegt es doch nahe auf den langjährigen Erfahrungsschatz anderer Selbstversorger und Erzeuger zurückzugreifen (z.B. Imker, Schäfer). Wenn du einen regionalen Selbstversorger finden solltest, der deinen Vorstellungen entspricht, dann können sich darüber hinaus auch lebenslange Kooperationen, Synergien und Tauschgeschäfte ergeben. Damit machst du dich gegenüber der „Außenwelt“ noch unabhängiger.

Vielleicht begleitet dich dein Lieblingsselbstversorger sogar beim Aufbau deiner eigenen Selbstversorgung, wie man es bereits von der Imkerei her kennt (Patenschaft). Das ganze sollte natürlich örtlich stattfinden, damit du das Wissen möglichst eins zu eins übernehmen kannst und dein Pate greifbar ist. Es spricht aber nichts dagegen, sich über theoretische Inhalte mit anderen Selbstversorgern auszutauschen, die auch gerne in den sozialen Netzwerken unterwegs sind.

  • Besuche regionale Freilandmuseen und darüber hinaus

In den ländlich geprägten Freiland- und Freilichtmuseen werden die historisch versetzten Gebäude und das damalige Leben der Menschen möglichst hautnah dargestellt. Hierzu gehört insbesondere das Zusammenleben der Bauernschaft, Berufsstände und Landlosen in einer längst untergegangenen dörflichen Gemeinschaft. Wer sich damit tiefer beschäftigt, erkennt schnell, wie abhängig der Mensch heute gegenüber dem Staat geworden ist und welche Rolle dabei die Kirche immer spielte. Die damaligen Bauern, die vorwiegend Selbstversorger waren, mussten zwar auch ihren Tribut und Zehntel an die Obrigkeit leisten, waren aber ansonsten weitgehend frei. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.

In diesen Museen lernst du aber nicht nur etwas über den gesellschaftlichen Wandel, sondern sehr viel über die Selbstversorgung. Das kommt daher, weil bis zur Industrialisierung noch so gut wie jeder Selbstversorger war – im Kleinen wie Großen. Selbst Handwerker, Pfarrer und landlose Knechte und Mägde züchteten nicht selten noch kleine Nutztiere und bauten Gemüse für sich an. Das meiste lernt man jedoch von dem damals jahreszeitabhängigen Arbeitsalltag auf den Bauernhöfen (hat nichts mit der heutigen Landwirtschaft zu tun): Anbau, Verarbeitung, Lagerung und vieles mehr.

Im Gegensatz zu heute, hatte damals alles eine Funktion. So auch das eigentliche Wohngebäude: Je nach Bautyp und Epoche wurden im kühlen Gewölbekeller die un- oder verarbeiteten Lebensmittel und unter dem Dach das Getreide gelagert. Im Erdgeschoss wurden Schweine, Schafe, Kühe oder Pferde gehalten, die das Obergeschoss im Winter wärmten. Nach der Feldarbeit durfte in der Wohnstube geschnitzt, gewebt und gesponnen werden, die während des Kochens von der Küche aus mitgeheizt wurde.

Aufgrund dieser vielseitigen Funktionen, ist es ein Traum vieler Selbstversorger, so ein Haus selbst zu besitzen und wieder zu beleben. Wie du siehst, sind die Freiland- und Freilichtmuseen eine gute Adresse deine Selbstversorgung voranzutreiben, zumal man gelegentlich auch andere Selbstversorger und regionale Bauern antrifft und sich austauschen kann. Viele Museen bieten darüber hinaus interessante Kurse und Veranstaltungen mit Themenschwerpunkten an (z.B. Imkern, Sense mähen, Spinnen).

  • Gehe Wandern oder fahre Fahrrad und entdecke die verrücktesten Dinge

Die meisten Vollzeit-Selbstversorger und Kleinbauern sind der Öffentlichkeit nicht so bekannt. Oft sind es Menschen mit Herzblut, die sich zurückgezogen haben, nur einem kleinen Personenkreis bekannt sind und möglichst abgelegen leben. Wenn du solche tollen Menschen  oder dessen Werke kennenlernen möchtest, dann solltest du auf  den ländlichen Strecken öfters Wanderungen unternehmen oder mit dem Fahrrad unterwegs sein. Man trifft diese immer wieder auf ihren Grundstücken an. Manchmal sind es aber auch bereits die angetroffenen Jäger, Förster oder Imker.

Und wenn du schon unterwegs bist, dann achte auf deinen Wanderungen und Fahrradtouren auf die vielen historischen Wege und Gebiete. Immer wieder trifft man auf Schilder, Zeugnisse und Menschen, die die Lebensweise der damaligen Menschen beschreiben.

  • Suche nach Vereinigungen, die sich auf alte Pflanzensorten und Tierrassen spezialisiert haben

Während einerseits viele alte Pflanzensorten und Haustierrassen immer mehr aussterben, entstehen andererseits zunehmend Gruppierungen und Gemeinschaften, die sich dem Schutz der Vielfalt alter Sorten und Rassen verpflichtet haben. Angefangen von Hochschulen mit wissenschaftlichen Versuchsfeldern, über die Rettung regionaler Sorten durch Vereine oder kommunale Unterabteilungen bis hin zu kooperativen Hobbyzüchtern. Und natürlich wir Selbstversorger und einige Herzblutbauern untereinander.

Was auffällt: Mancher dieser Vereinigungen kennen sich hervorragend mit dem Recht zum Saatgut (z.B. Saatgutverkehrsgesetz) und den Umgang mit den Überwachungsbehörden aus. Der Grund dürfte sicherlich am Umstand liegen, dass sich viele am Rand der Legalität bewegen – darunter auch einige kommunale Einrichtungen selbst. Ein Tausch von selbstgezüchteten Saatgut ist beispielsweise rechtlich nicht immer ohne weiteres möglich (worauf ich hier nicht näher eingehe).

Ohne diese Helden würde es wortwörtlich kaum noch Saatgut zu Ursorten und damit eine Vielfalt von Getreide, Gemüse und Obst geben – ein Massenaussterben kraft Lobby-Gesetze. Ähnliches gilt für die vom Aussterben bedrohten Haustierrassen. Anzutreffen sind diese Vereinigungen neben der Webpräsenz und den sozialen Netzwerken auf öffentlichen Veranstaltungen und Messen mit bestimmten Themenschwerpunkten (z.B. Museen, Messen).

  • Nutze das Internet

Auch wir Selbstversorger sind im digitalen Zeitalter längst angekommen, wobei das natürlich keine Voraussetzung ist. Egal welche Themen oder Fragen du hast, nutze die sozialen Netzwerke, Videoplattformen, Suchmaschinen und Websites. Du hast darüber sogar den Vorteil deine “Richtung” zu wählen: Also zum Beispiel Selbstversorgung mit oder ohne Pflanzenschutzmittel oder Schlachtung.